Selbst erfahrene Beobachter der Geldpolitik halten gelegentlich inne und denken: „Das war zwar vorhersehbar, wirkt aber dennoch bedeutsam.“ Ein solcher Moment ereignete sich am 11. Juni 2026, als die EZB über die Zinssätze entschied. Die Anspannung war spürbar, auch wenn nur wenige überrascht waren, als die Europäische Zentralbank den Einlagensatz um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent anhob. Die nächste Sitzung ist nun für Donnerstag, den 23. Juli, angesetzt; die meisten Experten rechnen diesmal mit einer Pause.
24 Banken und Organisationen, darunter BNP Paribas, die Deutsche Bank und Goldman Sachs, haben an dieser Einschätzung mitgearbeitet: Der Einlagensatz wird vorerst bei 2,25 Prozent bleiben. Ein derartiger Konsens unter Ökonomen ist ungewöhnlich. Konstantin Veit vom Vermögensverwalter Pimco verweist auf eine insgesamt verhaltene Konjunktur, ein moderates Lohnwachstum und schwächer als erwartet ausgefallene Inflationsdaten. Diese drei Faktoren deuten seiner Meinung nach insgesamt stark auf eine Pause statt auf eine Anhebung hin.

Daher wird die EZB am Donnerstagnachmittag wahrscheinlich nichts verkünden; die Entscheidung wird für 14:15 Uhr erwartet. In dieser Situation bedeutet „Schweigen“ nicht, dass nichts vor sich geht. Der Iran-Konflikt schwelt weiterhin in weiter Ferne auf den Energiemärkten, irgendwo zwischen Tankerrouten und Waffenstreitigkeiten im Nahen Osten. Niemand will diesen Trumpf ausspielen. Das größte Risiko liegt laut Martin Wolburg von Generali Investments genau hier: Die Energiepreise könnten erneut steigen, sollte sich die Lage im Iran verschärfen, was die Inflation wieder anfachen würde. Das ist zwar unwahrscheinlich, aber durchaus möglich. Die EZB ist sich dessen bewusst.
Auf dem Papier scheint die Lage für September etwas klarer zu sein. Von den siebzehn Instituten, die eine Prognose für das Ende des dritten Quartals veröffentlicht haben, rechnen fünfzehn mit einem Anstieg auf 2,50 Prozent. Die Liste, zu der die Commerzbank, J.P. Morgan, Goldman Sachs und RBC Capital Markets gehören, liest sich wie ein „Who’s Who“ der internationalen Finanzwelt, und alle weisen in dieselbe Richtung. Interessant ist, dass Julius Bär eine der wenigen Ausnahmen darstellt: Für Ende 2026 und Anfang 2027 sieht die Schweizer Bank den Einlagensatz weiterhin bei 2,25 Prozent. Auch wenn es sich um die Perspektive eines Außenstehenden handelt, ist sie nicht abwegig.
Auf den ersten Blick wirken die Prognosen der EZB-Ökonomen für die kommenden Jahre beruhigend: Die Inflation wird 2026 bei 3,0 Prozent, 2027 bei 2,3 Prozent und 2028 dann bei den entscheidenden 2,0 Prozent liegen. Damit wäre das Stabilitätsziel erreicht. Diesen Hinweis am Ende des Prognosehorizonts interpretierte Dr. Jens-Oliver Niklasch von LBBW Research als verstecktes Signal – die EZB wolle damit zeigen, dass sie nicht die Absicht habe, zu weit zu gehen. Er räumt ein, dass es sich dabei vielleicht nur um Spekulationen handelt. Doch manchmal haben die kleinen Dinge eine größere Bedeutung als die großen Erklärungen.
All dies stellt für Sparer ein Problem dar. Stabile oder leicht steigende Zinsen sind in der Regel eine gute Nachricht, da sie für diejenigen, die über Ersparnisse oder Festgeld verfügen, keine unmittelbaren Verluste verursachen. Jasmin Ehlert von der Anlageplattform Raisin empfiehlt die sogenannte „Zinsleiter“: Das Kapital soll auf verschiedene Laufzeiten verteilt werden, sodass regelmäßig ein Teil verfügbar wird und zu möglicherweise besseren Zinssätzen wieder angelegt werden kann. Das mag technisch klingen, ist aber im Grunde nur gesunder Menschenverstand: Man legt sich nicht vollständig fest, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht.
Es ist schwer, die Ironie zu übersehen, dass die EZB nach Jahren extrem niedriger Zinsen und der Inflationswelle von 2022–2023 nun zu dem zurückkehrt, was ältere Generationen für völlig normal hielten. Vor zehn Jahren wäre ein Einlagenzins von zwei Prozent eine Meldung auf Seite fünf gewesen. Heute steht es in den Schlagzeilen. Das sagt einiges über die letzten Jahre aus und möglicherweise noch mehr über die Herausforderungen, denen sich diese Zentralbank in Zukunft stellen muss.
Es ist unklar, ob der September tatsächlich einen weiteren Schritt nach vorne bringen wird. Erst dann wird die EZB neue makroökonomische Prognosen veröffentlichen, und bis dahin könnte sich vieles geändert haben: Energiekosten, die Lage im Nahen Osten, Wirtschaftsdaten aus der Eurozone. Wie Veit feststellt, herrscht nach wie vor große Unsicherheit. Und im Juli 2026 könnte genau das die treffendste Vorhersage sein.
